Outsourcing im Wandel: Aber was nun – On-, Near-, Off- oder Friendshoring?
Die deutsche Automobilindustrie steht vor einem echten Stresstest. Die Märkte verändern sich rasant. Kostendruck bleibt ein dominierendes Thema, doch der reine Preisvorteil reicht längst nicht mehr aus. Besonders deutlich zeigt sich das am Beispiel Asien: Dort drängen Hersteller mit aggressiven Preisen und gleichzeitig hochwertiger Technologie auf den Markt. In China etwa sind bereits Elektrofahrzeuge unter 12.000 Euro erhältlich, die modernste digitale Features bieten. Gleichzeitig geraten globale Lieferketten, jahrzehntelang Garant für Effizienz und Skaleneffekte, durch Strafzölle, geopolitische Spannungen und strengere ESG-Anforderungen zunehmend unter Druck. Bauteile überqueren oft mehrfach Ländergrenzen, bevor sie im Fahrzeug verbaut werden – ein System, das verletzlich ist.
Für OEMs wird klar: Die Sourcing-Strategie ist heute ein entscheidender Hebel, um Resilienz, Flexibilität und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Doch wie sieht der richtige Mix aus? Offshoring, Nearshoring, Onshoring – oder doch Friendshoring? Im Folgenden erfährst du, wie eine widerstandsfähige Sourcing-Strategie aussieht und welche Faktoren für OEMs besonders wichtig sind.
Stefanie Dern
Marketing Professional
8.07.25
Ca. 6 min
Nearshoring: Kürzere Wege, geringere Risiken
Die Halbleiterkrise hat drastisch gezeigt, wie fragil global verflochtene Lieferketten sein können, wenn Schlüsselkomponenten fast ausschließlich aus Ostasien stammen. Nearshoring – also die Verlagerung von Produktions- und Zulieferstandorten in geografisch nähere Regionen – reduziert Risiken und verkürzt Transportwege. Für OEMs bedeutet das: mehr Planungssicherheit, schnellere Reaktionszeiten und niedrigere CO₂-Emissionen.
Beispiele dafür sind Rumänien und Bulgarien. Beide Länder bieten als EU-Mitglieder stabile Rahmenbedingungen, gut ausgebaute Infrastruktur und attraktive Kostenstrukturen.
Friendshoring: Sicherheit durch gemeinsame Werte
Über die geografische Nähe hinaus geht Friendshoring: Hierbei geht es nicht nur um den Standort und reiner Kostenoptimierung, sondern vor allem um gemeinsame politische und gesellschaftliche Werte sowie stabile, verlässliche Institutionen. Unternehmen bauen ihre Lieferketten gezielt in Ländern auf, die demokratisch geprägt sind und ähnliche regulatorische Grundsätze verfolgen. Für OEMs schafft das mehr Sicherheit und langfristige Verlässlichkeit – etwa in Ländern wie Indien oder Mexiko, die sowohl stabile Rahmenbedingungen als auch große Wachstumsmärkte bieten.
Offshoring: Mehr als reine Kostenersparnis
Lange galt Offshoring als reines Kostenmodell: Produktion und Dienstleistungen dorthin verlagern, wo Arbeit günstiger ist. Doch Offshoring ist weit mehr. Entwicklungszentren in Märkten wie Indien ermöglichen Zugang zu Top-Talenten, schnellere Innovationszyklen und 24/7-Entwicklung durch Zeitzonen-Vorteile. Gerade in Software, KI und Datenanalyse sichern OEMs so technologische Spitzenpositionen. Offshoring wird damit neu definiert: als Teil einer globalen Innovations- und Wachstumsstrategie. Innovationen können beschleunigt und Skaleneffekte realisiert werden, die in regional begrenzten Märkten kaum möglich wären. Gemeinsam mit Cognizant bringen wir über 250.000 IT- und E/E-Expert:innen ein – eine der größten Offshoring-Capabilities weltweit, verteilt auf alle wichtigen Technologiezentren Indiens.
Der Schlüssel: Ein flexibler Shoring-Mix
Unsere Erfahrung zeigt: Es geht nicht darum, On- und Nearshoring durch Offshoring zu ersetzen. Vielmehr liegt die Zukunft in einem flexiblen, strategischen Mix – angepasst an Produkt, Markt und geopolitische Lage. Ein Beispiel aus unserem Projektalltag macht das deutlich: Wenn kurzfristig Software-Updates für Testfahrzeuge gefragt sind, sorgt unser Nearshore-Team in Rumänien für schnelle Umsetzung. Gleichzeitig arbeiten unsere Entwickler in Indien parallel an komplexeren Funktionen. Gemeinsam mit den lokalen Teams in Deutschland entsteht so ein reaktionsstarkes Setup, das Geschwindigkeit, Qualität und Skalierbarkeit vereint – ein echter Wettbewerbsvorteil für OEMs.
Erfolgreiche OEMs kombinieren:
- Offshoring für Skaleneffekte, Fachkräfte und Innovation
- Nearshoring für Agilität, kürzere Wege und regulatorische Sicherheit
- Onshoring für kritische Produkte und Markennähe
- Friendshoring für politische Stabilität und wertebasierte Partnerschaften
Transformation braucht mehr als Technologie
Doch Strategie und Technologie allein reichen nicht. Neue OEMs und Tech-Start-ups verändern die Spielregeln. Sie sind teils agiler und schneller, da sie Mut zur Veränderung und klare Verantwortlichkeiten haben. Dagegen kämpfen etablierte Konzerne häufig mit Silodenken, langen Entscheidungswegen und mangelnder Veränderungsbereitschaft. Statt leerer Buzzwords wie „digitaler Gamechanger“ braucht es klare Zuständigkeiten, echte Digitalisierung, die Prozesse wirklich vereinfacht, und gezielte Kompetenzentwicklung. Erfolgreiches Outsourcing setzt auf persönliche Präsenz vor Ort, starke lokale Brückenköpfe und echtes Verständnis kultureller Unterschiede – Faktoren, die digitale Tools nicht ersetzen können. Unterschiedliche Arbeitsweisen, Zeitzonen und Sprachbarrieren erfordern vor allem Vertrauen und partnerschaftliche Zusammenarbeit. In einem Interview erläutert unser CEO Jörg Ohlen, warum der direkte, persönliche Austausch zwischen Offshore- und lokalen Teams entscheidend ist und wie dieser Faktor viele frühere Offshoring-Projekte zum Scheitern gebracht hat. Mehr dazu hier.
Fazit: Der Mix entscheidet
Die Zukunft gehört nicht dem Entweder-Oder, sondern dem richtigen Mix. Nur so reagieren Hersteller flexibel auf Marktveränderungen, treiben Innovationen voran und verkürzen die Time-to-Market. Nearshoring reduziert Transportwege und CO₂, Friendshoring stärkt verlässliche Partnerschaften in stabilen Ländern, und Offshoring bleibt als Innovations- und Skalenelement unverzichtbar. So entsteht eine widerstandsfähige, flexible Lieferkette für die Hightech-Fahrzeuge von morgen.